English

„ a … rejection  of  the …
romanticisation  of  dashing  criminals “

Irgendwann  ging  auch  Tom  Nero  zu  weit

und  fand  seinen  gerechten  Lohn

für  Brutalität , Gewalt + Mord

Hogarth, William (1697 London 1764). The Four Stages of Cruelty. Folge von 4 Blatt Kupferstichen von Thomas Cook (ca. 1744 – London 1818). Bezeichnet: Hogarth pinxt. / T. Cook sculpt. / Published by Longman, Hurst, Rees, & Orme, May 1st./March 2d./Augst. 31st./Novr. 1st. 1807. Bildgröße 16,5-17 x 13,7-14,1 cm.

1. First Stage of Cruelty. – 2. Second Stage of Cruelty. – 3. Cruelty in Perfection. – 4. The Reward of Cruelty.

Cook „machte sich auch einen Namen als Hogarth-Stecher“ (Thieme-Becker) und im Gegensatz zu allen späteren Hogarth-Ausgaben zeichnet sich seine originäre große Ausgabe durch Beibehalt des ursprünglichen Hogarth-Formats aus. Für einige von Hogarth nicht selbst veröffentlichte Blätter wurde Cook zu deren Erststecher, wie er denn auch den Beifall eines zeitgenössischen Kenners wie Maximilian Speck von Sternburg fand. Hier indes vorliegend in der späteren, kleinformatigeren Volksausgabe und ohne den 3strophigen Untertext von wohl Rev. James Townley. – Innerhalb der im Außenbereich etwas altersfleckigen breiten weißen Plattenränder geschnitten. – Von schönem Hell-Dunkel.

William Hogarth, First Stage of Cruelty (Cook klein)

„ While various Scenes of sportive Woe / The Infant Race employ,
And tortur’d Victims bleeding shew / The Tyrant in the Boy.

Behold! a Youth of gentler Heart, / To spare the Creature’s pain
O take, he cries – take all ma Tart, / But Tears and Tart are vain.

Learn from this fair Examples – You / Whom savage Sports delight,
How Cruelty disgusts the view / While Pity charms the sight. “

Umgeben von einem reichen Assortement tierquälerischer Straßenjugend bei teils schlicht brutaler, teils raffinierter, indes mit einfachen Mitteln umgesetzter Vergnügung, vollführt Tom Nero sein Meisterstück, die Quälerei eines Hundes, die Hogarth Callot’s Versuchung des Heiligen Antonius entnahm. Wobei er sich auch nicht abhalten läßt von einem Jungen besserer Herkunft und Veranlagung, vermutlich dem damals dreizehnjährigen George III. Dies zugleich ein Wortspiel, bedeutet „noble“ doch sowohl „adlig“ wie auch „edel“ und „von edler Gesinnung“. Entsprechend denn auch „Neronian“ im übertragenen Sinne „blutdürstig, grausam“ (Kunsthaus Zürich). Indes nimmt ein anderer Junge das Ende von Tom Nero’s Entwicklung bereits vorweg und zeigt ihn in einer Skizze an einer Mauer als am Galgen hängend.

William Hogarth, Second Stage of Cruelty (Cook klein)

„ The generous Steed in hoary Age / Subdu’d by Labour lies;
And mourns a cruel Master’s rage, / While Nature Strength denies.

The tender Lamb o’er drove and faint, / Amidst expiring Throws;
Bleats forth it’s innocent complaint / And dies beneath the Blows.

Inhuman Wretch! say whence proceeds / This coward Cruelty?
What Int’rest springs from barb’rous deeds? / What Joy from Misery? “

Tom Nero hat eine neue Stufe erreicht. Nicht allein ist er Droschkenkutscher geworden, er schlägt mit geradezu begeisterter Bestialtät mit dem Peitschengriff sein Pferd tot, das die Last von vier Anwälten nicht über eine Stufe der Straße bei Thavie’s Inn Coffee House zu schleppen vermochte und zusammengebrochen ist:

„ Jene Unmenschlichkeit,
deren Beginn auf dem ersten Blatte bei dem Knaben viel versprach,
ist bei dem Manne zur vollkommenen Reife gelangt “

(Lichtenberg).

Gleiches widerfährt übrigens einem Lamm durch seinen Treiber, ähnliches im Hintergrund einem überladenen Esel. Und ebenso wird es einem Bullen ergehen, der vorerst indes sich erfolgreich zur Wehr setzt und einen Mann durch die Luft wirbelt.

Ganz unbegründet ist Tom’s Wut indes nicht. Denn – so Lichtenberg – „(s)chon jeder Einzelne der Vier wäre im Stande, den Lohnkutscher vor den Friedensrichter zu bringen, um die Buße für den erlittenen Schrecken einzutreiben“. Von einem fünften, einem common informer, der dies gewerbsmäßig betreibt und bereits zur Stelle ist, ganz zu schweigen.

Nebenbei führt Hogarth aber auch die Rohheit der Menschen untereinander in- und außerhalb des Alltags ein. Entspringt der vom schlafenden Bierschröter überfahrene Knabe – „der Bierschröter wird sich wahrscheinlich über den unglücklichen Knaben zu trösten wissen, jedoch hinsichtlich des erlittenen (Bier-)Schadens ganz andere Gefühle hegen“ – noch der Fahrlässigkeit, so weisen die Plakate neben Hahnenkampf auch auf Boxkämpfe hin. Einem der Genannten, James Field, wird denn auch später noch zu begegnen sein.

William Hogarth, Cruelty in Perfection (Cook klein)

„ To lawless Love when once betray’d, / Soon Crime to Crime succeeds:
At length beguil’d to Theft, the Maid / By her Beguiler bleeds.

Yet learn seducing Man! nor Night, / With all its sable Cloud,
Can screen the guilty Deed from sight; / Foul Murder cries aloud.

The gaping Wounds, and blood stain’d steel, / Now shock his trembling Soul:
But Oh! what Pangs his Breast must feel, / When Death his Knell shell toll. “

Aus dem Kutscher ist ein Straßenräuber geworden, der seine Liebste zu einem armseligen Raub bei ihrer Herrin bewegt hat. Doch ist Tom der Verführten samt ihrer Gewissensbisse ohnehin schon überdrüssig:

„ Jene Anlage zur rohen Grausamkeit, welche sich anfangs nur an Thieren äußerte, hat ihre vollkommene Entwicklung erlangt und endet in einem Mord der scheußlichsten Art “

(Lichtenberg).

Allein, das Verbrechen auf dem nächtlichen Kirchhof wird bemerkt und Tom von den mit Stöcken und Mistgabeln bewaffneten Anwohnern überwältigt und gebunden:

„ Die von hinten herbeifliegende Eule kündet von der allem Geschehen zugrunde liegenden Weisheit und vom großen Wendepunkt in Tom Neros Leben: Es ist nun an ihm,

für  seine  Grausamkeiten  den  gerechten  Lohn  einzustecken “

(Kunsthaus Zürich).

William Hogarth, Reward of Cruelty (Cook klein)

„ Behold the Villain’s dire disgrace! / Not Death itself can end.
He finds no peaceful Burial-Place; / His breathless Corse, no friend.

Torn from the Root, that wicked Tongue, / Which daily swore and curst!
Those Eyeballs, from their Socket’s wrung; / That glow’d with lawless Lust!

His Heart, expos’d to prying Eyes, / To Pity has no Claim:
But, dreadful from his Bones shall rise, / His Monument of shame. “

Nach vollstrecktem Urteil findet sich Tom in der Anatomie und damit in bester Gesellschaft wieder. Denn links und rechts in Mauernischen stehen die präparierten Skelette des schon früher gehängten Boxers James Field bzw. des Straßenräubers MacLeane

„ gleichsam als Schildhalter des Wappens der ärztlichen Facultät, worauf sie beide hinweisen. Dies Wappen über dem Sessel des Präsidenten, welches dem würdigen Haupte des Letzteren gleichsam als Krone dient, besteht in einer Hand, die einer anderen den Puls befühlt, und zwar auf sehr zierliche Weise, mit dem kleinen Finger. Ireland bemerkt hiebei, eine Hand, welche eine Guinea – das gewöhnliche Honorar bei einer Consultation – nehme, eigne sich besser für die gelehrte Facultät “

(Lichtenberg).

Wenn in jüngerer Zeit nun Paulson meint, mit diesem Blatt habe Hogarth ein Zeichen gegen die „gesetzliche“ Brutalität der „besitzenden“ Stände setzen wollen, im Zusammenhang mit dem Murder Act von 1752, auf Grund dessen die Leichen Hingerichteter in Ketten ausgestellt oder der Sektion übergeben wurden, ein Genug, genug!, ein Nicht-über-den-Tod-hinaus provozieren wollen, so unterstreicht das zwar die häufige Mehrdeutigkeit in Hogarth’ Blättern, geht zumindest in dieser Ausschließlichkeit aber doch an der Sache vorbei und ist allenfalls ein Nebenschauplatz. Denn zum einen erschienen seine Kupfer bereits Februar 1751, die von Hogarth bei J. Bell in Auftrag gegebenen plakativen Holzschnitte – nur Bll. 3 + 4 wurden tatsächlich ausgeführt – sogar schon Anfang 1750, also 1-2 Jahre vor dem Gesetz.

Zum anderen liefe Hogarth’ dokumentierte Intention aus dieser Sicht geradezu ins Leere. Denn dann wären die Holzschnitte überflüssig, da die Adressaten solcher Kritik gerade die „Besitzenden“ gewesen wären, nicht aber die Hefe des Volkes, für die die groben und irrtümlich als billig in der Herstellung gedachten Holzschnitte doch vorgesehen waren. Und gerade für diese mußte das Sujet – so auch Lichtenberg – besonders eindrucksvoll sein:

„ Die Zerlegung des Leichnams hat er offenbar deßhalb gewählt, weil die Vorurtheile des niederen Volkes in England dieselbe für ein eben so großes Unglück halten, wie die Hinrichtung durch den Strick, und über Anatomen eine Meinung hegen, welche jenem Vorurtheile vollkommen entspricht. Der Künstler hat auch dem letzteren gemäß die Anatomie hier dargestellt; sie ist eine zweite Küche der Hecate. “

Schließlich übersieht Paulson aber auch Hogarth’ Engagement für das Findlingsheim und die damit einhergehende natürliche Sorge um die Zukunft der dort aufgezogenen Kinder. Bei deren Tierquälereien – im Mittelpunkt eben das Findelkind Tom Nero – als Schule einer Gewohnheit werdenden Brutalität auch die Folge ihren Aufgang nimmt. Und noch das zweite Blatt legt trotz der Einführung der Boxer noch den Schwerpunkt auf die Tierquälerei, nun allerdings im Alltag wie der Freizeit der Erwachsenen:

„ The four stages of cruelty were done in hopes of preventing in some degree that cruel treatment of poor Animals which makes the streets of London more disagreeable to the human mind than anything whatever, the very describing of which gives pain … “

Ein Zweck, den Hogarth übrigens erreichte und so dem Tierschutz eine frühe Lanze brach:

„ … there is no part of my works of which I am so proud, and in which I feel so happy as in the series of the four Stages of Cruelty because I believe the publication of them has checked the diabolical spirit of barbarty, which, I am sorry to say was once so prevalent in this country … I had rather, if cruelty has been prevented by the four prints, be maker of them than of the (Raphael) cartoons, unless I lived in a Roman Catholic country “.

Jenseits dieses seinerzeitigen Anlasses aber in seiner generellen Aussage

von  einer  geradezu  beängstigenden  Zeitlosigkeit .

Denn den Zeitgeistlern, die sich mit begütigendem Du-Du und unendlicher Fürsorge für die Täter letztlich nur von ihrer ganz persönlichen Verantwortung für die Gesamtheit der Gesellschaft freizukaufen trachten – von den Opfern wird ohnehin nicht geredet – ,

hält  Hogarth  ein  „ Wehret  den  Anfängen “  entgegen ,

wie  es  zeitnäher  +  deutlicher  kaum  sein  könnte .

Denn so unvorstellbar uns heutigen die Quälereien der beiden ersten Blätter sein mögen, so unvorstellbar schien bis vor kurzem die Brutalität von Terroranschlägen, die mit geringsten Mitteln – also wiederum geradeso wie bei Hogarth – größtmögliche Qualen und Schmerzen zu erzielen trachten. Eben,

wehret  den  Anfängen .

Angebots-Nr. 14.404 / EUR  390. / export price EUR  371. (c. US$ 404.) + Versand

Derzeit verfügbare Einzelblätter der Folge :
Tierquälerei auf Londons Straßen
Ein Londoner Morgen
Der Mord auf dem Kirchhof


„ soeben wurde die (Ridinger-)Gams zugestellt - unversehrt. Herzlichen Dank für die prompte und professionelle Abwicklung “

(Herr G. R., 29. Juli 2016)